Zum Inhalt springen

Ausschreibung für ein Digitalprojekt richtig vorbereiten

Veröffentlicht 13.09.2026 · 7 Min. Lesezeit

Kurz beantwortet

Eine belastbare Ausschreibung nennt Ziel, Rahmenbedingungen und Budgetkorridor offen, fordert von drei bis fünf vorausgewählten Anbietern dieselben Angaben in derselben Gliederung und bewertet die eingehenden Angebote entlang einer vorab festgelegten, gewichteten Kriterienmatrix. Verschwiegene Budgets erzeugen unvergleichbare Angebote und kosten alle Beteiligten mehrere Wochen.

Wann brauchen Sie überhaupt eine formale Ausschreibung?

Nicht jedes Vorhaben rechtfertigt den Apparat. Bei einem überschaubaren Website-Projekt am unteren Ende des Korridors von 6.000 bis 45.000 Euro genügen meist drei gut vorbereitete Gespräche und drei Angebote auf derselben Grundlage.

Ein strukturiertes Verfahren lohnt sich, sobald mehrere dieser Punkte zutreffen: sechsstelliges Volumen, mehrere Fachbereiche mit eigenen Interessen, Anbindung an bestehende Systeme, eine mehrjährige Bindung durch Wartung, oder ein Gremium, das die Vergabe nachvollziehbar dokumentiert sehen will.

Öffentliche Auftraggeber und Unternehmen mit öffentlicher Beteiligung — etwa Stadtwerke — unterliegen zusätzlich dem Vergaberecht mit eigenen Schwellenwerten und Verfahrensarten. Das ist ein eigenes Feld und gehört fachkundig begleitet; die folgenden Hinweise beziehen sich auf freie Vergaben in der Privatwirtschaft.

Wie kommen Sie von der Longlist zur Shortlist?

Beginnen Sie breit und filtern Sie hart. Eine Longlist von zehn bis fünfzehn Anbietern entsteht aus Empfehlungen im Branchennetzwerk, Referenzprojekten mit vergleichbarer Aufgabenstellung, Fachbeiträgen und gezielter Recherche. Rankings und bezahlte Verzeichnisse taugen dafür wenig.

  • Passt die Größe? Ein Vorhaben, das ein Drittel des Jahresumsatzes eines Anbieters ausmacht, ist für beide Seiten riskant.
  • Gibt es Referenzen mit ähnlicher Fachlichkeit oder ähnlichem Integrationsgrad, nicht nur mit ähnlicher Optik?
  • Ist die Zusammensetzung des Teams erkennbar, das tatsächlich arbeiten würde?
  • Bestehen erkennbare Interessenkonflikte, etwa eine enge Bindung an einen bestimmten Softwarehersteller?
  • Stimmt die Erreichbarkeit: Sprache, Zeitzone, Bereitschaft zu Vor-Ort-Terminen?

Aus der Longlist bleiben drei bis fünf Namen übrig. Mehr Angebote bringen selten mehr Erkenntnis, kosten aber jede Seite mehrere Tage Arbeit — Ihre eingeschlossen.

Was gehört in die Anfrageunterlage?

Die Unterlage muss alle Anbieter in dieselbe Ausgangslage versetzen. Fehlt eine Information bei einem, ist der Vergleich hinfällig.

  • Kurzprofil des Unternehmens, Ausgangslage und der Anlass für das Vorhaben.
  • Ziele mit Kennzahl, dazu die Abgrenzung dessen, was nicht beauftragt wird.
  • Technische Rahmenbedingungen: Bestandssysteme, Schnittstellen, Hosting-Vorgaben, Sicherheitsanforderungen.
  • Budgetkorridor und gewünschter Zeitrahmen mit Fixterminen wie Messen oder Geschäftsjahreswechsel.
  • Gewünschte Angebotsstruktur: Gliederung, Aufwand je Phase, Stundensätze, Wartungsmodell, Annahmen.
  • Verfahrensrahmen: Fristen, Ansprechpartner, Termin der Rückfragerunde, geplante Entscheidung.

Fordern Sie die Angebotsstruktur ausdrücklich ein. Wenn ein Anbieter Pauschalen nennt und ein anderer Phasen mit Personentagen aufschlüsselt, vergleichen Sie Äpfel mit Fahrplänen.

Warum sollten Sie den Budgetkorridor offenlegen?

Das Verschweigen des Budgets gilt vielerorts als Verhandlungsvorteil. Praktisch bewirkt es das Gegenteil. Ohne Korridor rät jeder Anbieter, wie viel Sie ausgeben wollen, und schneidet den Lösungsvorschlag auf diese Vermutung zu. Am Ende liegen fünf Angebote vor, die fünf verschiedene Projekte beschreiben.

Ein offengelegter Rahmen dreht das Gespräch um: Statt über den Preis diskutieren Sie darüber, welchen Funktionsumfang der Anbieter für dieses Geld für vertretbar hält. Diese Antwort ist deutlich aufschlussreicher als eine Zahl.

Wer das Budget geheim hält, bekommt keine besseren Preise, sondern unvergleichbare Angebote.

Wie bewerten Sie die Angebote nachvollziehbar?

Legen Sie die Bewertungsmatrix fest, bevor das erste Angebot eintrifft. Danach ist sie kaum noch neutral. Üblich sind fünf bis acht Kriterien mit Gewichtung, jeweils auf einer Skala von null bis fünf bewertet.

  • Fachliches Verständnis: Hat der Anbieter die Aufgabe verstanden oder den Standardtext eingefügt?
  • Lösungsansatz und Architektur, inklusive begründeter Technologieentscheidung.
  • Team und Verfügbarkeit: Wer arbeitet wirklich, in welchem Umfang, ab wann?
  • Referenzen mit vergleichbarer Fachlichkeit, belegt durch Gespräche mit Referenzkunden.
  • Preis-Leistungs-Verhältnis und Transparenz der Kalkulation.
  • Betrieb nach dem Start: Wartung, Reaktionszeiten, Übergabefähigkeit.

Bewerten Sie mit mindestens zwei Personen unabhängig voneinander und besprechen Sie erst danach die Abweichungen. Wo zwei Bewertungen weit auseinanderliegen, steckt meist eine unklare Formulierung im Angebot — und damit ein Risiko.

Wie führen Sie die Rückfragerunde fair?

Jede Anfrageunterlage lässt Fragen offen — das ist normal und kein Mangel. Kritisch wird es, wenn diese Fragen einzeln und bilateral beantwortet werden. Dann hat ein Anbieter Informationen, die den anderen fehlen, und der Vergleich ist beschädigt, ohne dass es jemand bemerkt.

Setzen Sie deshalb eine feste Frist für Rückfragen und beantworten Sie alle gesammelt an alle Teilnehmenden, anonymisiert. Zwei Wochen vor Abgabe ist ein bewährter Zeitpunkt. Der Aufwand ist gering, und die Antworten verbessern regelmäßig auch die Angebote derjenigen, die nichts gefragt haben.

Nutzen Sie die Fragen zugleich als Rückmeldung an sich selbst. Wenn drei von fünf Anbietern dieselbe Stelle nicht verstehen, ist Ihre Unterlage dort unklar — und dieselbe Unklarheit hätte im Projekt zu Nachträgen geführt.

Halten Sie sich strikt an die genannten Termine. Wer die Abgabefrist stillschweigend verlängert, weil ein Wunschkandidat nicht fertig wird, entwertet das gesamte Verfahren. Wird eine Verlängerung nötig, gilt sie für alle und wird begründet.

Sollten Sie Pitch-Leistungen vergüten?

Konzepte, Gestaltungsentwürfe oder Prototypen sind echte Arbeit. Wer sie unvergütet einfordert, bekommt entweder recycelte Vorlagen oder verliert die Anbieter, die ausgelastet sind. Eine faire Aufwandsentschädigung für die Shortlist-Teilnehmer hält das Feld qualitativ oben.

Klären Sie zugleich die Rechte: Ohne Vereinbarung dürfen Sie ein nicht beauftragtes Konzept nicht einfach von einem Dritten umsetzen lassen. Auch das ist ein Punkt, den Sie anwaltlich prüfen lassen sollten, bevor die Unterlagen hinausgehen.

Was sollten Sie in der Präsentationsrunde prüfen?

Die Präsentation ist der einzige Teil des Verfahrens, in dem Sie die Menschen sehen, mit denen Sie ein Jahr lang arbeiten würden. Nutzen Sie sie nicht für eine Wiederholung des Angebots — das haben Sie gelesen. Nutzen Sie sie für Fragen, die sich nicht vorbereiten lassen.

  • Lassen Sie eine konkrete Schwierigkeit aus Ihrem Alltag schildern und die Lösung dazu skizzieren.
  • Fragen Sie nach einem Projekt, das schiefgegangen ist, und danach, was daraus verändert wurde.
  • Bestehen Sie darauf, dass die operativ Verantwortlichen im Raum sind, nicht nur der Vertrieb.
  • Fragen Sie, welche Ihrer Anforderungen der Anbieter für falsch priorisiert hält — und warum.
  • Klären Sie, was passiert, wenn eine Schlüsselperson im Projektverlauf ausfällt.

Die vierte Frage ist die aufschlussreichste. Wer Ihre Anforderungsliste widerspruchslos bestätigt, hat sie entweder nicht gelesen oder scheut die unbequeme Auseinandersetzung. Beides ist ein schlechtes Vorzeichen für ein Jahr Zusammenarbeit.

Sprechen Sie außerdem mit mindestens zwei Referenzkunden, und zwar telefonisch statt per Fragebogen. Fragen Sie nicht, ob man zufrieden war, sondern was man beim nächsten Mal anders machen würde. Diese Frage öffnet Gespräche, die schriftliche Referenzen nie liefern.

Wie sieht ein realistischer Zeitplan aus?

Von der Longlist bis zur Vergabe vergehen bei einem mittleren Vorhaben acht bis zwölf Wochen: zwei Wochen Vorauswahl, zwei bis drei Wochen Angebotsfrist, eine Rückfragerunde, zwei Wochen Präsentationen, danach Bewertung und Verhandlung. Kürzere Fristen erzeugen oberflächliche Angebote.

Absagen gehören zum Verfahren. Eine knappe, ehrliche Rückmeldung mit dem entscheidenden Kriterium kostet zehn Minuten und sorgt dafür, dass gute Anbieter beim nächsten Mal wieder antreten.

Häufige Fragen

Wie viele Anbieter sollten wir anfragen?

Drei bis fünf. Weniger erzeugt keinen echten Vergleich, mehr verwässert die Auswertung und bindet auf beiden Seiten unnötig Zeit. Investieren Sie den Aufwand lieber in eine sorgfältige Vorauswahl als in die Zahl der Angebote.

Dürfen wir Angebote gegeneinander ausspielen?

Preisverhandlung ist legitim, das Weiterreichen fremder Angebotsinhalte nicht. Wer Lösungsideen des einen Anbieters beim anderen einpreisen lässt, verliert die Anbieter, auf die es ankommt — und bewegt sich rechtlich auf unsicherem Boden.

Was tun, wenn alle Angebote über dem Budget liegen?

Das ist ein Befund, keine Niederlage. Meist stimmt der Zuschnitt nicht. Reduzieren Sie den Umfang auf die Muss-Anforderungen, planen Sie den Rest als spätere Ausbaustufe und lassen Sie neu kalkulieren, statt beim Tagessatz zu drücken.

Fragen zu Ihrem Projekt? Sprechen wir.

Projekt besprechen
Website-CheckErstgespräch buchen